Unterwegs im Township

Während den Vorbereitungsseminaren wurde uns immer wieder erzählt, die ersten Wochen und Monate im Gastland wären am faszinierendsten gleichzeitig aber auch am härtesten für uns Freiwillige. Der Mensch brauche zwischen ein und zwei Monaten, um sich an neue Gegebenheiten zu gewöhnen – der gemeine Schüler dürfte das nach sechs Wochen Sommerferien bestätigen können.  Nun bin ich inzwischen für knapp 1 ½ Monate in Südafrika und es  stellt sich tatsächlich eine gewisse Routine  ein, ich habe mich an das Leben im Haus gewöhnt. Ich sage extra nicht Township, denn von Orange Farm und seinen Bewohnern habe ich immer noch nicht viel gesehen. Es ist normal geworden, sich jeden Morgen mit kaltem Wasser zu waschen, im dunklen Hühnchen mit dem Löffel vorm TV zu essen oder sich zu viert auf die Rückbank eines VW Polos zu quetschen und 40 Minuten zur Arbeit zu zuckeln. Ja, sogar an das Gemüse habe ich mich gewöhnt. Nein, ich mag immer noch keinen Blattspinat, Paprika oder rote Bohnen, aber irgendwie macht es mir nichts mehr aus, es trotzdem zu essen. Was nicht heißt dass ich mich über die gelegentlichen Karotten und Erbsen nicht freuen würde. Manche Anblicke dagegen wirken dagegen immer noch ein wenig schräg auf mich. Da staut es sich auf dem Weg zur Arbeit einen halben Kilometer, weil ein Esel mal sein Geschäft auf der Straße erledigen muss. Auch gegen das hier absolut normale verbrennen von Plastik sträubt sich etwas in mir noch.

Letzten Sonntag hatte ich dann endlich mal die Gelegenheit, etwas mehr von meiner Nachbarschafft und der südafrikanischen Kultur zu erleben. Zumindest hatte ich das gehofft. Anlass war die Grabsteinenthüllung von Verwandten einer Arbeitskollegin in Palm Springs, einem Nachbar-Township von Orange Farm. Bisher kannte ich diese Prozedur nur vom Hörensagen aus dem jüdischen Glauben und habe mir etwas wie eine Beerdigungsprozedur vorgestellt. Nun war ich glücklicherweise noch nicht oft Gast auf einer Beerdigung und war dementsprechend gespannt wie hier den Toten die letzte Ehre erwiesen wird. Um es kurz zu machen: ich weiß es immer noch nicht. Als wir um halb 11 beim Haus der Familie auftauchten, war der Großteil der Veranstaltung schon gelaufen. Wie ich im Nachhinein erfahren habe, fand der Hauptteil der Prozedur, namentlich der Gottesdienst, bereits in der Nacht statt. Und zwar nicht wie in manchen urkatholischen niederbayerischen Dörfern die Christmette für ein, zwei Stunden um Mitternacht, sondern wirklich die komplette Nacht bis 7 Uhr morgens. Und wir sprechen hier nicht von jungem Partyvolk, sondern von einer etwas gesetzteren Generation. Entsprechend müde sahen auch die verbleibenden Gesichter aus.

Für uns gab es dann noch ein paar Kekse und recht komisches, fluoreszierendes Getränk. Beim ersten Schluck umspült undefinierbarer, beißender Geschmack meinen Gaumen, gefolgt von einem stark künstlichen Aroma, dass wohl etwas Exotisches darstellen soll. Das Ganze stellt sich als eine Ingwer-Mango-Limo  raus. Generell ist es faszinierend, wie oft man hier Ingwer in Getränken antrifft.  Sei es Ginger Beer (das zum Glück bis auf die Farbe nichts mit amerikanischen Root Beer gemein hat), Ginger Ale, besagte Mischgetränke oder sogar Cola mit Ingwergeschmack. Die meisten Vertreter schmecken sogar richtig gut, durch den Ingwer wirkten die Softdrinks nicht ganz so süß. Nur auf die Ingwer Cola verzichte ich dankend. Die Kekse waren zwar ohne Ingwer, dafür mit mindestens genauso viel Zucker. Kein Problem, in zwischen bin ich gegen diese Überdosis Süßes abgehärtet. Egal ob Saftschorle, Bonbon oder Schokolade, alles hat hier primär einen Geschmack: Zucker. Da traue ich mich schon gar nicht auf die Nährstoffangaben zu schauen. Bisher einzige Ausnahme bildet mein Gummibärenersatz. Die schmecken einfach nur nach Chemie, aber kommen am ehesten an die Konsistenz der geliebten Haribo Goldbären ran. Mein viel zu spärlicher Vorrat von zu Hause ist schließlich schon lange aufgebraucht (Gefühlt seit den ersten zehn Minuten am Münchner Flughafen).

Nachdem da Event doch überraschend kurz und unspektakulär ausgefallen ist – kurz nach unserer Ankunft ging es schon ans Abbauen – Lonia aber noch etwas im Ort erledigen musste, wurde ich spontan bei Mdu zwischengeparkt. Mdu, 24, Informatikstudent und einer der wenigen Leute, die ich abseits meines Projekts bisher kennen lernen durfte, ist Chef des StarKid-Programms, wo ich am Samstag aushelfe. Eigentlich hatten wir nur geplant, entspannt ein wenig auf seiner Playstation zu daddeln, doch seine Mutter machte uns recht schnell einen Strich durch die Rechnung. Schließlich hat Mdu heute noch eine wichtige Pflicht zu erfüllen, schließlich ist Muttertag. Nein, wir mussten keine Blumen kaufen gehen, vielmehr wollte seine Mutter, dass er ihren Freundinnen ihre Glückwünsche überbringt. Irgendwie ist hier doch jeder Teil einer großen Familie.

Ich hatte dadurch endlich mal die Gelegenheit, etwas länger durch die Location zu schlendern. Das erste was auffällt ist, das man auffällt. Auch wenn die Apartheid nun schon fast 20 Jahre zurück liegt, ist es immer noch eine Seltenheit, einen Weißen auf der Straße der Townships anzutreffen. Auch arme Weiße, von denen er hier immer mehr gibt, meiden die Gegend. Mdu ist ganz begeistert, dass wir an jeder Ecke angesprochen werden. Nach einem kurzen Schwatz mit einem Nachbarn meint er nur „Dude, bei dem kauf ich täglich unser Brot und ich hab noch nie wirklich mit dem geredet. Du machst mich noch berühmt!“.  Während dem Trip merke ich immer wieder, wie die Leute mir Blicke zuwerfen. Mal wirken sie ertappt wenn ich zurück schaue, manche bleiben stehen und drehen sich um und die Kinder fangen an zu tuscheln. Aufgewachsen in einer anonymen Großstadt ist das ein anfangs durchaus unangenehmes Gefühl. Mit der Zeit kristallisiert sich aber mehr und mehr heraus, dass dahinter keine kriminellen Energien stecken, sondern einfach nur Interesse und Verwunderung. Nach und nach klappern wir unsere Ziele ab, überall wird uns erst Tee, dann Toast oder Kekse gereicht, ich werde zum Essen eingeladen, eine Mutter will mir sogar ein Lunchpaket mitgeben – so unterernährt schaue ich jetzt auch nicht aus.

Während wir durch die Straßen pilgern wunder ich mich immer wieder über die verschiedenen Behausungen.  Da steht eine verwahrloste Bruchbude mit braunem Rasen, schiefen Gartentor und verrostetem Wellblechdach neben einem Einfamilienhaus, das ohne weiteres in einen wohlhabenden Vorort einer deutschen Großstadt passen würde: gepflegte Grünfläche, frisch geweißte Wände, zwei Meter hohe Mauern und ein Messingtor vor der Einfahrt. Mdu scheint meine Verwirrung zu bemerken: Nach der Apartheit haben einige Schwarze es zu einigem Reichtum geschafft und zählen zur gehobenen Mittelschicht. Trotzdem sind sie in den Townships geblieben, um näher an Freunden und Familie zu sein.

Wir haben unseren Rundgang inzwischen beendet und wollen nun endlich unsere Partie Pro Evolution Soccer 2013 zu Ende spielen. Davor sollen wir noch etwas von diesem papsüßen Fruchtsirup mitnehmen und schauen noch schnell im Liquor Store vorbei. Dieser wurde jedoch in unserer Abwesenheit ausgeraubt. Mitten am Tag. Zwei Minuten von der nächsten Polizeistation entfernt. Ohne Saft geht es also zurück zu Mdus Haus und nach einem glorreichen 3:1 Sieg des FC Bayern gegen Real Madrid (ich habe natürlich die Königsblauen gespielt) geht es mit Lonia in einem Minibustaxi zurück nach Orange Farm.

2 Comments

  1. Thomas
    Friday, 17, May, 2013

    Irgendwer gönnt dir deinen Fruchtsirup nicht :-(

    Schade, dass sich so gar nichts tut, aber so hast du wenigstens Zeit zu schreiben.

    Schöne Grüße aus Moab, UT

  2. Karolina
    Friday, 17, May, 2013

    Ich kümmer mich mal um Haribo :-)

Leave a Reply

%d bloggers like this: