Good morning, Sir!

Die Tür geht auf, 34 kleine Glubbschaugen schauen mich erstaunt an; ich schau ähnlich erstaunt zurück. Dann bricht die Hölle los. Es ist mein zweiter Tag an der Ntsheekgopu Primary School (glaubt ihr dass ich den Namen immer noch nicht sprechen kann) und ich soll spontan für eine abwesende Lehrerin in der 3. Klasse einspringen. Theoretisch sind wir angewiesen, nicht alleine zu unterrichten, woran sich aber seit Tag 1 nicht gehalten wird. Kein Wunder bei acht Lehrern für 413 Kinder. Ich stehe also in einem kleinen Klassenzimmer durch die staubigen Fenster knallt schon um halb 10 Uhr die Sonne, das Atmen fällt von Minute zu Minute schwerer. Um mich herum laufen die Kinder, spielen Fangen oder nehmen sich gegenseitig die Stifte weg. Unterrichten in diesem Flohzirkus – ein Ding der Unmöglichkeit. Viel Englisch können die Kleinen noch nicht, also wird kurzerhand Hangman gespielt. Irgendwie überlebe ich die Stunde mit allen Gliedmaßen noch an ihren vorgesehenen Positionen und gehe Richtung Lehrerzimmer.

Zum Glück laufen nicht alle Stunden so ab. Normalerweise unterrichte ich in den beiden vierten Klassen Mathematik mit Chucks, dem stellv. Direktor. Hier herrscht zumindest ab und zu Disziplin und Ordnung, meistens wenn Chucks redet. Bei mir haben die Kids etwas mehr Leine, vielleicht auch weil ich – zum Glück – noch immer Skrupel habe, sie zu bestrafen.  Bestrafung wird immer hier noch etwas altmodischer interpretiert, da ist es mit Strafarbeiten nicht getan. Ich bevorzuge da eher die Zuckerbrot-Methode, die Peitsche darf dann Chucks spielen. Genau genommen besteche ich die Kinder für gemachte Hausaufgaben und gute Leistungen mit Süßigkeiten. Verhaltensbiologie mal praktisch angewandt. Das ist auch bitter nötig, die Schulleistungen sind – ähm… wie drückt man das politisch korrekt aus – optimierbar. Ich denke es spricht für sich selbst, wenn neben jedem Namen eine Zahl zwischen 1 und 4 steht, die angibt, das wievielte Jahr besagtest Kind in dieser Jahrgangsstufe verbringt.

Auf der Gegenseite muss man sagen, dass für eine vierte Klasse der Stoff durchaus fortgeschritten. Wir mussten uns mit Brüchen und Wahrscheinlichkeitsrechnung erst in der sechsten Klasse herumschlagen. Auch sind natürlich nicht alle Schüler solche Problemfälle, jedoch sieht man sehr deutlich, welche Eltern hinter ihren Kindern stehen und welche die schulischen Probleme einfach ignorieren. Leider sind letztere bei weitem in der Überzahl. Für diesen Term stand ein Projekt auf dem Plan, bei dem die Kinder zusammen mit ihren Eltern einen „Geschäftsplan“ ausarbeiten sollten. Nach über drei Wochen (angesetzt war eine) hat zumindest ein Großteil der Kinder eine halbwegs akzeptable Arbeit abgeliefert. Bei vielen Kindern herrschen zu Hause leider auch recht prekäre Zustände, Mutter und Vater sind entweder tot, getrennt, arbeitslos oder Alkoholiker. Dazu kommt, dass die Eltern durch das System der Bantu-Erziehung ein sehr schlechtes Bildungsniveau haben. Damals war man der Meinung, die schwarze Bevölkerung muss gerade so ihren Lohn zählen können. Fächer wie Geschichte oder Physik waren nicht vorgesehen – wozu auch, war ihre Zukunft doch als Haushilfe oder einfache Arbeitskraft geplant. Somit fehlt vielen Eltern einfach das Wissen, ihren Kindern, auch in der Grundschule, zu helfen.  Allgemein hat das Bildungssystem hier zahllose Probleme (unter anderem wurde das gesamte System in den letzten 15 Jahren drei Mal komplett über den Haufen geworden), dass es vielleicht mal einen eigenen Beitrag dazu gibt.

Ansonsten ist der Schulalltag hier mit einer deutschen Grundschule durchaus vergleichbar. Verhältnismäßig viel Frontalunterricht, Hausaufgabenkontrolle und am Ende jedes Quartals ein Test. Wir können uns glücklich schätzen, für jedes Kind ein eigenes Buch zu haben – eine Errungenschaft die wir zu Beginn des G8s in Deutschland nicht hatten. So ist der grundlegende Ablauf der Stunden vorgegeben. Anfang September stand dann das so genannte Annual National Assesment (ANA) an, ein landesweiter PISA-Test, den jeder Schüler einmal im Jahr in einer Sprache und Mathe absolvieren muss. Dieser zählt zwar nicht direkt in den Notenspiegel mit ein, beeinflusst aber Reputation und zum Teil auch finanzielle Förderung der Schulen. Entsprechend lange haben wir die Kinder darauf vorbereitet.  Am Ende haben es immerhin zwei Kids geschafft, mehr als 50% richtig zu beantworten, anscheinend für unsere Schule gar keine so schlechte Leistung. Ich war trotzdem ein wenig frustriert, auch wenn das lehren weiterhin viel Spaß macht. Für immer möchte ich das jedoch definitiv nicht  machen.

Das Leben ich Lebowakgomo ist dagegen wenig spektakulär, so wie man sich als Stadtkind halt das Dorfleben vorstellt. Unter der Woche bin ich hauptsächlich mit Schulsachen beschäftigt, am Wochenende geht es gelegentlich in die nahe Hauptstadt Polokwane oder man entspannt sich einfach von den Kindern und geniest die Sonne. Immerhin haben wir jetzt bald Sommer, Temperaturen um die 35° werden immer häufiger. Anders als in Orange Farm darf ich hier aber alleine raus, solange es hell ist, kann also auch spontan in den nächsten Supermarkt oder zum Sport gehen. Zu Beginn war es in der Tat ungewohnt, sich frei bewegen zu können, vor allem alleine Taxi zu fahre, inzwischen habe ich mich aber wieder an diese Freiheit gewöhnt und will sie nicht mehr missen.

Demnächst geht es dann aufs Midstay, wo sich alle Freiwilligen aus Deutschland treffen und ein wenig quatschen, in die Drakensberge, und dann ist tatsächlich schon die Hälfte um. Ich glaube jeder von uns findet es erschreckend wie schnell die Zeit doch vergangen ist. Ich greif jetzt mal ganz tief in die Klischeekiste und sage, es kommt mir wie gestern vor, dass ich am OR. Tambo in der Kälte stand und die ersten Schritte auf dem schwarzen Kontinent Tat.

1 Comment

  1. Thomas
    Tuesday, 22, October, 2013

    Dass du mal Lehrer würdest…aber du kriegst die schon noch in den Griff :-) Die Peitsche ist sicher nicht das Instrument der Wahl, aber so ab und an Salz aufs Brot statt Zucker…

    5 Wochen noch; ich freu mich auf unsere Tour.

    Gruß
    Thomas

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