Irgendwo in Afrika

Und ein weiteres Mal heißt es Umziehen. Nachdem ich eine Woche im ungewissen war, wie es in Südafrika weiter gehen soll ist nun klar: Ich soll erneut das Projekt wechseln. Doch alles auf Anfang. Während unseres Urlaubs in Durban wurde anscheinend entschieden, dass das House of St. Paul keine zwei männlichen Freiwilligen aufnehmen kann. Die Gründe hierfür liegen, soweit ich Das begriffen habe, tief in den Kloster-Interna vergraben. Zuerst muss man wissen, dass Schwester Lioba, unsere Chefin und Projektleiterin, durch ihren Job eine recht einmalige Position im Kloster hat. Während die meisten Schwestern außer „Schwester sein“ keine Aufgabe haben, leitet sie ein prestigeträchtiges Projekt mit mehreren Angestellten, hat Kontakte in der ganzen Stadt, erhält Spenden und hat deutsche Freiwillige. Nun ist es nicht so, dass Schwester Lioba diesen Job durch Zufall erhalten hat. Als Schwester Elizabeth das Programm noch geleitet hat, arbeitete sie als eine Art stellvertretende Geschäftsführung. Demnach war es nur logisch, dass nach Elizabeths Dahinscheiden Lioba die Leitung übernehmen würde. Trotzdem haben einige Schwestern aus oben genannten Gründen versucht, diese Position zu erlangen.

Dazu kommt, dass letztes Jahr eine andere AFS-Freiwillige gelinde gesagt Mist gebaut hat. Das endete darin, dass sie „strafversetzt“ werden musste und eigentlich keine weiteren Freiwilligen nach Reitz kommen sollten. Nur der Standhaftigkeit Vater Bernards ist es zu verdanken, dass Sascha und später ich dort aufgenommen werden konnten. Seit besagter Freiwilligen stehen allerdings Teile des Klosters, allen voran Oberschwester Raphaela, mit deutschen Freiwilligen auf dem Kriegsfuß. Dies wirkt sich natürlich auf unseren Aufenthalt aus, aber auch Schwester Lioba stand unter ständigem Druck ihrer Kolleginnen. Das Fass zum Überlaufen gebracht haben aber anscheinend Sascha und ich, als wir Jule vor Durban zwei Tage bei uns einquartiert haben. Zur Erinnerung, wir haben sechs abgetrennte Zimmer und Sascha hat zuvor einen Monat mit einer anderen Freiwilligen zusammen gewohnt. Nachdem sowohl Schwester Lioba als auch Raphaela ihr OK gegeben haben, gingen wir entsprechend davon aus, alles wäre in Ordnung. Nun, anscheinend war dem nicht so, und ein Mädchen mit zwei Kerlen in derselben Wohnung wird im Kloster doch eher ungern gesehen.

Am Ende hat Schwester Lioba dann bei AFS angerufen und um meine Versetzung gebeten, da ihr die anderen Schwestern immer mehr Druck machten – in deutschen Schulen würde man wohl von Mobbing sprechen. Auf der einen Seite natürlich verständlich, jedoch bin ich etwas enttäuscht darüber, dass direkt der Weg über AFS gewählt wurde und nicht erst mit uns gesprochen wurde. Nachdem ich dann die zweite Woche unseres Urlaubs versucht habe, AFS Südafrika zu erreichen, um zu erfahren, wie jetzt genau verfahren würde – bisher wusste ich nur durch einen Halbsatz von Schwester Lioba, dass ich nächsten Dienstag fahren würde – habe ich dann am nächsten Montag (also ein Tag vor meiner geplanten Abreise) erfahren, dass ich erst einmal nach Joburg kommen soll und dort alles weitere besprochen wird. Das Ganze hat sich dann noch einmal um zwei Tage verschoben, sodass ich am Donnerstag abreisen sollte. Davor stand aber noch eine Verabschiedungsrunde von meinem alten Projekt an. Ich wurde etwas überrumpelt, als plötzlich zwölf Zehnjährige angefangen haben, vor mir zu tanzen und sich einzeln zu bedanken. Eine bewegende Situation, auch wenn ich in nur einem Monat natürlich wenig erreichen konnte. Aber zumindest konnte ich California erfolgreich durch sein Matheexamen bugsieren (Wär jetzt denkt, Mathe in Südafrika wäre einfach: von wegen, die Aufgaben hatten zum Teil Abiturniveau – erschreckend wie viel man in einem Jahr wieder vergessen hat).

Am nächsten Tag wurde ich dann vom frisch aus Deutschland zurückgekehrten Vater Bernhard zum Greyhound begleitet, den AFS für mich gebucht hatte. Auf der Fahrt wurde ich dann von Kefiloe, dem Zuständigen AFSler für das 18+-Programm, angerufen, dass ich doch nicht wie geplant abgeholt werde sondern noch mal durch Joburg fahren soll und in einem Backpacker im anderen Ende der Stadt unterkommen soll. Ich malte mir schon das Rumgeirre in Joburg Downtown aus, mit Koffer und Rucksack ins Minibustaxi quetschen und dann in irgendeiner dunklen Ecke bis auf die Boxershorts ausgeraubt zu werden. Am Ende stellte es sich dann als etwas weniger dramatisch raus (aber nur ein klitzekleines bisschen), Joburg hat mit dem Gautrain eine recht angenehme Möglichkeit aus der verruchten Innenstadt in die Suburbs zu kommen, und mein Backpacker lag in einer der reichsten Gegenden Südafrikas. Daneben war die Hyde Park Mall, ein Einkaufszentrum, das der Maximiliansstraße durchaus das Wasser reichen kann.  Mal wieder alleine irgendwo hingehen zu können fühlte sich nach drei Monaten ständiger Begleitung irgendwie komisch, aber auch befreiend an. Besonders überrascht hat mich die Kette Woolworth, die in meinem Kopf immer noch mit billigen Karopullis stigmatisiert war, hier allerdings ein Luxuslebensmittelladen ist, mit frischem Käse und Schinken und sogar, man glaubt es nicht, richtigem Brot. Karopullis kann man hier aber immer noch kaufen.

Am nächsten Tag wurde ich dann zum AFS Büro gefahren, wo es dann nach einem Gespräch mit den Verantwortlichen hieß, ich soll nach Limpopo (a.k.a. Busch) fahren, und in einer Schule aushelfen. Ihr kennt die Szenen aus alten Western, Staub liegt auf der Straße, keine Menschenseele weit und breit, nur ein Tumbleweed kullert über die Straße? So in etwa habe ich mir Limpopo vorgestellt. Vielleicht steht noch der ein oder andere Affe rum und kratzt sich am Hintern. Um mal einen Vergleich zu schaffen, Limpopo hat 5,4 Millionen Einwohner auf 125000 km², das macht ganze 43 Einwohner pro km², das ist zwar immerhin doppelt so viel wie Freestate hat (2,7 Mio bei derselben Größe), aber auch ein Fünftel verglichen zu Deutschland. Sogar Kansas hat mehr Einwohner. Ich sollte also wieder ins Nirgendwo. Zumindest schien mit Polokwane zumindest eine etwas größere Stadt in der Nähe zu sein, und der Krüger-Park ist auch näher in meine Reichweite gerückt. Bevor ich jedoch dorthin weiterreisen sollte, sollte ich ein paar Tage in der AFS-Flat übernachten, die aktuell von einem Italiener, einer Deutschen und zwei lokalen Freiwilligen bewohnt ist.

So konnte ich mir sogar noch etwas Johannesburg anschauen. Ich habe zwar zwei Monate hier gewohnt, aber wirklich gesehen habe ich außer dem Flughafen noch nichts. Nach einer kurzen Lektüre in einem Reiseführer wurde mir dann auch klar: So wirklich viel gibt es hier auch nicht zu sehen. Eine der Hauptattraktionen ist die Soweto-Tour durchs größte Township in der Gegend, davon werde ich in den nächsten sechs Monaten noch genug zu sehen bekommen. Wir entschlossen uns dann, Arts on Main anzuschauen, ein Atelier an der Mainstreet. Vor Ort stellte sich die ehemalige Markthalle eher als Fressmeile denn als Kulturgut raus, aber zumindest konnte man dort sehr gut international essen. Am Abend kam dann Lazz ganz aufgeregt in die Wohnung gestolpert, er wurde gerade mit vorgehaltener Pistole ausgeraubt. Und zwar genau an der Ecke, wo wir 90 Minuten vorher noch ein Taxi Richtung Heimat genommen haben…

Montag hieß es dann, meine Abreise würde sich um noch einen Tag verschieben. Daraufhin habe ich mir mal die nähere Umgebung in Cresta, dem Suburb von AFS, angeschaut. Abgesehen von den hohen Mauern und den dreifach gesicherten Türen und Fenstern könnte diese Gegend auch ohne weiteres irgendwo in Europa liegen. Grüne Gärten und Bäume, BMW und Audi, vierspurige Straßen und gepflasterte Bürgersteige. Man könnte es etwas hochtrabend vielleicht einen Moment der Klarheit nennen, aber als ich durch die Straßen schlenderte, einen heißen Kaffee schlürfend, ging mir auf, dass das neue Projekt vielleicht gar nicht so übel ist. Hatte ich davor noch insgeheim von Kapstadt oder Durban, von Sandstränden und Partyleben geträumt, fiel mir ein, warum ich nochmal hier war. Nicht zum Urlaub machen, sondern um Afrika etwas näher kennen zu lernen. Und das findet man eben nicht für 5€ an der Strandpromenade neben einem Souvenir „Made in China“, sondern in kleinen Dörfern wie Lebowakgomo. Auf einmal konnte ich es gar nicht mehr erwarten, hier weg zu kommen: Raus aus Johannesburg, Raus aus dem Luxus, Raus aus dem Bekannten.

Am nächsten Morgen wurde ich dann von den beiden Mitbewohnern zur Park Station gefahren und in den Bus nach Polokwane gesetzt. Die fünfstündige Fahrt kann man schlicht als unglaublich bezeichnen. An der Landschaft um mich herum konnte ich mich einfach nicht satt sehen. Goldene Hügel, soweit das Auge sieht, endlose Steppe und zahllose „Afrikabäume“ (ihr wisst schon, diese komischen Bäume, die man zusammen mit Elefanten und Giraffen auf kitschigen Sonnenuntergangbildern sieht). Inzwischen war ich in der klassischen afrikanischen Landschaft angekommen. Passender weise lief dann auch an einer Mautstation eine Horde Affen um unseren Bus herum. In Polokwane angekommen musste ich dann noch fast vier Stunden auf meine Gastmutter und die zuständige AFS-Betreuerin warten, bevor es dann im Dunkeln nach Lebowakgomo ging. Lebowakgomo ist ein tausend Seelen Dorf mit einem Supermarkt und ein paar Geschäften, vielen unbefestigten Straßen sowie zwei Bibliotheken. Einzig die Tatsache, dass es hier einen Gerichtshof gibt, lässt diesen Ort auf einigen Landkarten auftauchen. Dafür liegt es aber wunderschön am Fuße einer Hügelkette und, soviel sei verraten, in einer der heißesten Gegenden im Lande. Aktuell hat es zwar „nur“ 27° (nicht vergessen, es ist Winter), im Dezember klettern die Temperaturen aber regelmäßig über die 40°-Grenze. Wie gut, dass wir den ganzen Monat über Ferien haben, das Leben als Lehrer hat auch seine Vorteile.

Morgen geht es dann das erste Mal seit über einem Jahr wieder in die Schule, zum Glück stehe ich diesmal auf der anderen Seite des Pults.

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